STYLE
NACKTE TATSACHEN

Karl Michael ist ein Wiener Ausnahmetalent. Als Kunstperson widmet er sich nicht nur der Mode, sondern unter anderem auch der Musik. Karl, der kein Freund der Fashion Branche ist, nutzt Mode, um Statements zu setzen. Außerdem ein Gegner von großen Marken und kurzlebigen Hypes. Mit seinem Auftritt im Jahr 2015 bei der Vienna Fashion Week hat Karl Michael international, unter anderem sogar in der New York Times, für Aufsehen gesorgt. Wir hatten ein interessantes Interview mit der talentierten und kreativen Kunstperson, die er verkörpert. 

Erzähl uns bitte kurz über deinen Werdegang. 

Ich habe keine Ausbildung in die Kunstrichtung, ich habe mir alles selbst beigebracht. Es war vor meiner Karriere als Modedesigner nicht leicht einen passenden Beruf für mich zu finden. 2009 habe ich begonnen mich für Design zu interessieren. Und 2010 habe ich mich dazu entschlossen Modedesigner zu werden. Ich habe das Label Karl Michael gegründet und die erste Kollektion gestaltet. Jetzt im Nachhinein kann ich sagen, dass meine erste Kollektion furchtbar war. Nach der Gründung des Labels habe ich vier Jahre lang regelmäßig an Kollektionen gearbeitet und begonnen Kunst auf der Universität für angewandte Kunst zu studieren. 2014 habe ich mir einen kleinen Kredit genommen und konnte damit meinen eigenen Store eröffnen. Das Label hat sich im Laufe der Zeit begonnen selbst zu finanzieren. Dann habe ich kurz darauf meine erste Show auf der Wiener Fashion Week bekommen – allerdings nur weil eine Designerin kurzfristig ausgefallen ist. Nachdem ich nicht damit gerechnet habe, musste ich innerhalb einer Woche die gesamte Kollektion für die Show auf die Beine stellen. Auf meine erste Fashion Show auf der Wiener Fashion Week bin ich eigentlich noch immer sehr stolz. Durch kurz davor entstandene Publikationen und meine Fashion Show bei der Fashion Week wurde dann ein kleiner Hype rund um mein Label ausgelöst.

Wieso bist du Modedesigner geworden?

Ich bezeichne mich gar nicht als Modedesigner. Ich mache Musik, Performances und Kunst. Mode war nur das zweite Medium nach Musik mit dem ich mich anfangs identifizieren konnte. Da mich die Modebranche eigentlich überhaupt nicht interessiert, habe ich meinen Fokus immer auf Design gelegt. Die Modeindustrie und der künstliche Stress dahinter, den ich durch meine Arbeit bei einer Wiener Modelagentur kannte, waren mir schon immer zu bieder. Trotzdem hat mich Mode angetrieben. Wobei ich sagen muss, dass ich meinen Hype für Mode recht schnell wieder verloren habe. Mein Interesse für Design allerdings ist geblieben.

Du bist Designer deines eigenen Wiener Modelabels. Wofür steht Karl Michael? Wie würdest du den Style beschreiben?

Anfangs hatte ich glaube ich keinen eigenen Stil. Ich habe mich von sehr vielen Freunden und Personen beeinflussen lassen. Irgendwann habe ich dann festgestellt, dass ich mich sehr stark mit der Partyszene verbunden fühle. Dann habe ich meinen Stil auf Partymode fokussiert. Da die Kleidungsstücke sehr extravagant sind werde ich immer wieder gefragt: Wo kann man so etwas tragen? Ich hatte nicht wirklich eine Antwort darauf. Mein Stil geht in die Avantgarde-Richtung aber ist doch Ready-To-Wear. Und entweder es sind große Statements darauf, oder sie sind sehr sexualisierend. Es sind also keine typischen Büro-Outfits. Karl Michael ist jedoch kein Modelabel. Es ist eine Person, die probiert Party in den Alltag zu integrieren. *Das ultimative Gefühl von Freiheit übertragen durch mehrere Medien wie Musik, Mode, Kunst und Performances – dafür steht Karl Michael.*

Mode ist meiner Meinung nach auch ein sehr gutes Medium für politische Statements. Ich finde, einer der friedlichsten Orte, wo man sein kann, ist eine Party. Eine Party ist dafür da, einen guten Moment zu haben. Die meisten Menschen sind dort gut gelaunt, können dem Alltag ein wenig entfliehen und die Realität ignorieren. Für meine letzte Kollektion habe ich einen Text geschrieben, der heißt: We Party To Escape Reality. Das ist das, was ich erreichen will. Ich will, dass man mit dem Stil die Realität verlassen und in einen bunten Glückszustand übergehen kann. 

Woher holst du dir deine Inspiration?

Die kommt einfach immer von selbst. Ich bin ein Mensch, der selten nach Inspiration sucht. Ich halte bei den Partys, die ich besuche, zwar die Augen offen nach einer bestimmten Ästhetik. Aber der Ursprung meiner Ideen ist meistens ein außergewöhnlicher Vibe, den ich in gewissen Momenten oder bei gewissen Orten verspüre. Mein inneres, inspiriertes Ich übernimmt dann oft die Kontrolle und steigert sich sehr in das Kunstschaffen hinein. Ich habe dann oft das Gefühl, gar nicht in der Realität zu sein. Und wenn ich dann wieder zur Realität finde, ist das Projekt meistens fertiggestellt.

Deine Shows bei der MQVFW waren immer sehr ausgefallen. Erzähl uns bitte kurz, wie du deine Shows bisher inszeniert hast.

Die Shows wurden nicht speziell inszeniert. Sie passieren meistens einfach. Ich weiß, dass sich die meisten Besucher bereits erwarten, dass am Ende etwas Aufregendes passiert. Aber so bin ich einfach. Ich bin wahnsinnig laut und wahnsinnig übertrieben. *Deswegen haben viele wahrscheinlich das Gefühl, dass es sich dabei um eine Inszenierung handelt. Aber meistens bin das nur ich, so wie ich bin.* Die meisten Ideen für eine Fashion Show kommen in den Tagen davor – manchmal sogar am Tag der Show. Dann ändere ich auch gerne nochmal alles. Auch für den Nacktauftritt damals habe ich mich erst am Tag der Show entschieden. 

Sorgst du gerne für Aufsehen?

Ja. *Ich sorge deswegen gerne für Aufsehen, weil man als kunstschaffende QUEER-Person einfach laut sein muss um gehört zu werden.* In der Kunst gibt es wenige Momente, wo man als Minderheit alles rausholen und Ästhetik sowie eine Einstellung zeigen kann. Ich provoziere sehr gerne. Das macht mir schon sehr viel Spaß.

Wie sieht es aus mit Shows oder Fashion Weeks im Ausland? Hast du schon mal teilgenommen bzw. möchtest du als Designer demnächst bei einer teilnehmen? Welche Fashion Week wäre so deine “Traum Fashion Week”? 

In Berlin hatte ich letztens eine Performance, aber nicht auf der Fashion Week. Auch in Wien habe ich letztes Jahr keine Fashion Week Show mehr gemacht. Das liegt daran, dass mich die Modebranche, wie bereits gesagt, nicht unbedingt interessiert. Die Shows haben mir immer Spaß gemacht. Mittlerweile gönne ich mir trotzdem den Luxus zu entscheiden, ob ich bei Fashion Weeks teilnehme oder nicht. Am besten würde ich wahrscheinlich zu der Fashion Week in Berlin oder in London passen, allerdings geht man dort oft in der breiten Masse unter. Fashion Weeks sind zwar gute Plattformen, andererseits teilt man sich die Aufmerksamkeit mit vielen anderen Labels. Ich finde es für den Anfang wichtig, um gut in die Branche einzusteigen.

Wie würdest du die Modeszene in Österreich derzeit einschätzen? Gibt es derzeit internationale Brands, die sich deiner Meinung nach stark entwickeln werden?

Dafür dass Österreich flächenmäßig recht klein ist, gibt es viele gute, österreichische Designer. Es kommen viele Marken aus Österreich, die international gerade extrem durchstarten, wie zum Beispiel Marina Hörmanseder und Helmut Lang. Aber auch unbekannte Designer, die ich kennengelernt habe, konnten international schon Fuß fassen.

International glaube ich, dass es von den Konsumenten oft falsch eingeschätzt wird, wer wirklich erfolgreich ist und wer nicht. Das beste Beispiel ist Vetements. Diese Marke hatte einen sehr guten Start und ist sehr gut bei den Konsumenten angekommen. Nach einer Zeit ist Vetements dann wieder untergegangen. Ich glaube, man muss Hypes einer gewissen Zeit zuordnen. Man kann dann aber davon ausgehen, dass der Trend wieder abnehmen wird. Es gibt Marken, wie Vivienne Westwood oder Jean Paul Gaultier, wo die tatsächlichen Gründer noch aktive Designer sind. Das sind Personen, bei denen es mich jedes Mal aufs Neue erstaunt, wie lange sie die Modewelt schon prägen. *Es gibt für mich auch einen großen Unterschied für Designer, die für die Mode und Designer, die für die Medien leben.*

Welche Marken findest du unterbewertet? Welche Marken findest du überbewertet?

Ich finde fast alle Independent Labels unterbewertet. Thomas Hanisch, zum Beispiel, ist ein sehr begabter Berliner Designer. Er hat eine Zeit lang Sachen für Lady Gaga entworfen. Wenn man in der Modebranche ist, kennt man ihn. Allerdings geht er sonst unter. LOVERBOY ist eine tolle, tolle Marke. Der Designer ist sehr gut. 

*Oft bezeichnen sich Konsumenten als Modeexperten, weil sie sich Stücke von bekannten, großen Marken kaufen. Das zeugt meiner Meinung nach nicht von Modebewusstsein, sondern ausschließlich von kommerziellen Ansichten.* Personen, die sich mit jungen, kleinen Marken auseinandersetzen besitzen meiner Meinung nach viel mehr Sinn für Mode.

Überbewertet finde ich die großen Labels, wie Louis Vuitton und Chanel. Da stecken oft Designer dahinter, die wirklich viel Talent haben. Aber es bezieht sich leider alles auf den gleichen Stil des Modehauses. Wäre ich zum Beispiel Chefdesigner von Louis Vuitton, würde ich einiges ändern. Branding ist okay, aber ständige Wiederholungen sind es nicht. Auch Mode sollte sich weiterentwickeln und nicht in der Vergangenheit hängen bleiben. Es gibt aber auch große Labels, wie Gucci und Prada, die in fast jeder Saison noch immer viel Input in die Modewelt bringen.

Ich gehe davon aus, dass in den nächsten Jahren die Independent Labels den Markt erobern werden und die Konsumenten beginnen, sich von den großen Labels zu distanzieren. Außerdem glaube ich, dass durch das Internet viele Jungdesigner die Chance haben bekannt zu werden. Im Endeffekt werden Konsumenten immer mehr online einkaufen und viele Stores schließen müssen. Und teure Güter werden sich schwer über das Internet verkaufen lassen.

Wer sind bzw. waren deine großen, modischen Vorbilder?

*Ich muss ehrlich sagen, dass ich keine modischen Vorbilder habe. Ich finde, man sollte auch nicht unbedingt zu sehr an einem Vorbild festhalten. Sonst läuft man Gefahr, gewisse Elemente zu kopieren anstatt sein eigenes Potential zu entfalten.* Aber natürlich: Designer, wie Vivienne Westwood und Jean Paul Gaultier finde ich toll. Aber sonst finde ich Künstler sehr inspirierend. Kunstpersonen, wie Marlene Dietrich. Politische Personen, wie Martin Luther King Jr. und Rosa Parks. Personen, welche die Welt verändert haben.

*Ich finde es gut zu zeigen, wie sehr man sich von anderen Designern unterscheiden kann, anstatt ähnliche Designer zu suchen und sie als Vorbild zu nehmen.*

In welche Richtung glaubst du wird sich die Modewelt in dem digitalen Zeitalter, in dem wir uns befinden, demnächst entwickeln?

Online Shops werden aus allen Ecken sprießen. Die physischen Stores werden – auch in Anbetracht der Coronakrise – beginnen auszusterben. Allerdings finde ich, dass es nicht unbedingt ein Nachteil ist Mode ausschließlich online zur Verfügung zu stellen. Außerdem wird sich durch TikTok und Instagram auch sehr viel tun. Branding wird auch sicherlich ein wichtiger Faktor bleiben. Man muss sich einfach auf das digitale Zeitalter einlassen. Jeder muss früher oder später auf Online Shops umsteigen. Aber als Designer kannst du das digitale Zeitalter gut dafür nutzen ein größeres Publikum anzusprechen.

Das ganze Interview lesen Sie in unserer aktuellsten Ausgabe.

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